Auf experimentellen Ponys kann man nicht reiten

Veränderung kommt nicht immer mit einem Trommelwirbel angekündigt abends beim Gemüseschneiden zwischen Paprika und Tomate. Manchmal kommt sie schleichend, lautlos, unbemerkt.

Unser Leben wandelt sich mit jeder kleinsten Entscheidung die wir treffen, sei sie bewusst oder unbewusst. Vielleicht treffen wir plötzlich unseren Seelenverwandten vor der Fleischtheke im Supermarkt, würden wir ausnahmsweise eine halbe Stunde später einkaufen gehen als sonst. Doch viel zu oft sehnen wir uns nach solch großen Momenten in unserem Leben und übersehen dabei die vielleicht viel entscheidenderen, kleinen zwischen den Konservendosen.

Dabei sehen wir beim Anblick unseres Spiegelbildes im Schaufenster nicht mal, wie wir uns weiter entwickelt haben, weil wir uns viel zu sehr an unser eigenes Aussehen gewöhnt haben. Ich stelle mir das so ähnlich wie bei Kindern vor – wie groß sie eigentlich geworden sind, merkt man erst wenn man sie längere Zeit nicht gesehen hat.

Erst neulich stieß ich auf alte Fotos von mir und dachte: „Oh je, bin das wirklich ich?“, musterte mich selbst und glaubte das Foto einer fremden Person in meinen Händen zu halten.

Ich gehörte schon immer zu den Menschen, die gerne mit ihrem Aussehen herum experimentieren, aus unergründlichen Launen heraus sich selbst nachts vor dem Badezimmerspiegel erwischen und sich experimentelle Ponys schneiden, nach Nähnadeln greifen und sich Piercings stechen. Jedes Mal war ich davon überzeugt, irgendetwas in meinem Leben verändern zu müssen. Aber letztlich waren es die Erfahrungen, welche ich dabei sammelte, die mich prägten – und eben nicht der goldene Ring in meiner Nase, den ich nach einer Woche wieder entfernte und nicht mal eine ertastbare Narbe hinterließ.

Mit Sicherheit habe ich in der Vergangenheit Entscheidungen getroffen, die ich heute so vielleicht nicht gefällt hätte. Heute gehe ich meistens lieber auf Nummer sicher und suche einen Friseur auf, um mir peinliche Erklärungen für den schiefen Haarschnitt sparen zu können. Allerdings haben sie mich zu dem Menschen geformt, der ich nun bin. Ich habe dazugelernt, mich weiter entwickelt, die für mich damals überraschend niedrige Toleranzgrenze Mancher überschritten und gelernt wie wichtig es ist, für das zu stehen, was man tut.

In solchen Schlüsselmomenten kann ich eine stetige Veränderung meinerseits nicht leugnen. Der Gedanke daran eine Person gewesen zu sein, die mir heute so unglaublich fremd vorkommt, ist mir trotzdem häufig unangenehm. Auch wenn ich das nur ungern zugebe, weil ich immer davon überzeugt war ich selbst zu sein und das zu machen, was ich für richtig halte. Aber vielleicht ist genau das der Punkt und es stimmt, dass Veränderung die einzige Möglichkeit ist, sich selbst treu zu bleiben.

Von Gastautor

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