Das verantwortungsvolle Leben

”Und was willst du nach dem Studium mal machen?” Das “nach dem Studium” ist inzwischen verdammt nah, eine Antwort auf diese Frage irgendwie nicht. Gedanken zum Leben danach…

Neulich habe ich an einer Dinner-Veranstaltung der besonderen Art teilgenommen – ein Überraschungsmenü auf einer Dachterrasse an langen, selbstgebauten Tischen neben Menschen, die man noch nie vorher gesehen hat. An unserem Tisch saßen etwa zehn Leute so nah beieinander, dass private Gespräche nicht möglich waren und die einzige – durchaus angestrebte – Alternative eben ein munteres Gruppengespräch.
Unter all diesen Menschen war ich die Jüngste – und vor allem die einzige Studentin.
Ich fand mich wieder zwischen einem selbstständigen Designer mit Angestellten, einem Konzertagentur-Inhaber, einer erfolgreichen Eventmanagerin, einer amerikanischen Schriftstellerin und einem Filmproduzenten. Und mir wurde vor Augen geführt, dass ich eigentlich keine Ahnung habe, wo ich hin möchte. Was ich kann. Und wer ich sein will.

In einem halben Jahr wird mein Leben im Umbruch sein, dann muss ich das Studentendasein an den Nagel hängen und – ob ich will oder nicht – auf eigenen Füßen stehen. Wobei – was heißt das schon, auf eigenen Füßen stehen? Alleine wohnen tue ich schon längst und mich selbst finanzieren ebenfalls. Meine Eltern frage ich höchstens um Rat, wenn es darum geht, was ich meinem Opa zum 80. schenken soll. Man sollte meinen, der Sprung sei da nicht so groß.

Wenn nicht dieses Einstellungsproblem wäre. Niemand macht einem zum Vorwurf, wenn man als Student noch ein bisschen rumbummelt. Das Leben noch auf die leichte Schulter nimmt, denn dazu ist diese Zeit ja da. Aber in fünf Monaten sollte ich eigentlich bereit sein, mich in eben jene Dinnerrunde einzugliedern, die ich damals so schwer beeindruckt verlassen habe. Eigentlich.
Eigentlich könnte ich noch mal ganz gut ein Semester zur Selbstfindung gebrauchen. Eines, das nur dazu da ist, den Übergang von der Studenten-WG in das „verantwortungsvolle“ Leben zu planen. Oder zumindest ein Ziel zu erarbeiten. Was mich irgendwie ein bisschen betreten macht, denn ich gehörte eigentlich nie zu den faulen Menschen. Eher zu denen, die sich ihren Terminkalender immer ein bisschen zu voll packen und in ihrer Motivation und Begeisterung lieber die Nacht um die Ohren schlagen, als ein interessantes Projekt sausen zu lassen. Und jetzt hänge ich trotzdem da und bin gefühlt keinen Schritt weiter als drei Jahre zuvor. Will ich ja eigentlich auch nicht. Ich fühl mich hier ganz wohl, an dieser Stelle, wo ich grad bin. Solange man nicht daran erinnert wird, dass von einem erwartet wird, sich weiter zu entwickeln. Und man es ja irgendwie auch von sich erwartet. Nur heute noch nicht. Morgen vielleicht.

Dann sieht man auf der anderen Seite so viele Menschen, die diesen Schritt schon gestern getan haben. Die vielleicht sogar jünger sind als man selbst und trotzdem so viel weiter. Zumindest gefühlt. Und man möchte unter diese geleckten Profile gucken, sich fragen, wie die es geschafft haben, so schnell zu sein. Man möchte wissen, ob das der richtige Weg ist, den man, warum auch immer, nicht eingeschlagen hat. Vielleicht, weil man sich nicht getraut hat, seinen Fähigkeiten oder seinen Ideen. Oder ob da doch vielmehr Schein als Sein dabei ist, der einen mit dem faden Geschmack des Verlierens im Mund zurücklässt.

Der einzige Trost der bleibt ist das Mantra, dass jeder nur seinen eigenen Weg gehen kann, auch wenn dieses Mantra nie alle Zweifel in meinem Kopf, Bauch und Herzen ausräumen kann und irgendwo immer der Verdacht nagt, dass man irgendwo eine andere Abfahrt hätte nehmen sollen. Natürlich hätte ich bei jenem Dinner eifrig Kontakte austauschen, mir vielleicht ein Praktikum oder einen Schnupperjob für nach dem Studium sichern und schon ein Jahr im Voraus planen können. Hab ich aber nicht. Warum kann ich nicht wirklich sagen. Bleibt mir nur zu hoffen, dass sich noch eine weitere Abfahrt auftut, irgendwann, demnächst… Die ich dann vielleicht endlich nehmen will, eventuell.

Von Sonja Rattay

Sonja Rattay

Sonja studiert Communication and Multimedia Design in Aachen und ist nebenbei als Mediendesignerin tätig. Für Down to Mars.tv kümmert sie sich mit um Kamera und Schnitt und natürlich neuen Input in Form von Specials und Artikeln.

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