by Chris JL

Der Tanz des Erkennens

Ihr kennt das sicher auch, oder? Ihr seht jemanden, der euch irgendwie bekannt vorkommt, erinnert euch aber partout nicht, woher. Peinlich wird es vor allem dann, wenn die andere Person bemerkt, dass ihr euch nicht an sie erinnern könnt:

Du bist mitten in der Stadt unterwegs, setzt dich in einen Bus und lässt leicht verträumt deinen Blick durch das Fenster schweifen. Du siehst viele dutzend Menschen wie riesige Ameisen umherwuseln, du, in deiner kleinen, für diesen Augenblick ganz eigenen Welt. Doch dann siehst du sie! Ein attraktives Mädchen, das trotz aller Hektik, allen Lärms und aller olfaktorischen Umstände an einer engen Bushaltestelle mitten im Sommer den zarten Hauch eines Lächelns auf den Lippen hat.

Langsam nimmst du ihre blonden Haare wahr, die ein wenig im Windhauch wehen, ihre weichen Gesichtszüge, die dir so wohlbeka… Moment mal! „Wohl bekannt vorkommen“? Kennst du sie? Sie kommt dir bekannt vor! Aber woher nur? Ja, eindeutig, du kennst dieses Mädchen. Dein Blick wird zu einem Starren als sich deine Stirn runzelt und alle grauen Zellen dahinter versuchen, die Information auszugraben, wo ihr euch schon einmal gesehen habt. Aber was macht sie nun? Oh nein, jetzt hat sie dich auch noch gesehen und blickt dir genau in deine verwirrten Augen! Hoffentlich hat sie dich nicht erkannt und deine Unsicherheit nicht bemerkt. Wie verrückt du aussehen musst, als du versuchst ihre Herkunft zu entschlüsseln. „Guck weg, Guck weg!“, sagt die eine Stimme in dir. „Geht nicht“, die Realität.

Jetzt blickt sie auch etwas verwirrt. „Wer ist dieser Typ der mich da anstarrt? Wieder so ein Psycho?“, muss sie denken. Doch keine 50 Millisekunden später lässt ihre Mimik darauf deuten, dass sie sich gerade genau die gleichen Fragen stellt wie du. Dich auch nicht mehr ganz zuordnen kann, du ihr aber auch seltsam bekannt vorkommst.

Für einen Moment, der euch wie eine Ewigkeit vorkommt, seht ihr euch beide an, eure biologischen Prozessoren am Limit arbeiten, alte Erinnerungen und Assoziationen durchgehen bis plötzlich wie auf Kommando bei euch beiden der Groschen fällt. Der analytische Nachdenkerblick weicht einem freundlichen Lächeln der Erkenntnis, eure Münder formen ein erleichtertes „Hi“ und gemeinsam lacht ihr durch eine Glasscheibe getrennt über euren Tanz des Erkennens.

Von Martin Knorr

Martin Knorr

Moin moin, Martin mein Name, begeistern meine Mission. Ich bin leidenschaftlicher Momente-Festhalter und immer auf der Suche nach dem Schönen. Meist bin ich nach innen lauter als nach außen und platze vor Ideen. Ich bin gleichzeitig perfektionistisch und blühe auf im Chaos. Ich bin ein Teilzeit-Scherzkeks – mit rumgetränkter Schokolade. Ich glaube an das Gute im Menschen und bin deshalb Down to Mars.

Ein Kommentar

  1. oh ja das kenne ich… und ich muss sagen, ich bin wirklich begeistert von dieser art zu schreiben! *-*

    http://irgendwomittendrin.blogspot.de/

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