Die Angst vor der Angst

Panikattacken. Warum dieser Artikel gerade jetzt kommt, hat mehrere Gründe. Es gab keinen Ort, an dem ich Euch sagen konnte, was ich wollte. Es war nicht der richtige Zeitpunkt und ja, ich hatte nicht den Mut, meinen Namen mit dieser ätzenden Sache öffentlich im Netz in Verbindung zu bringen. Warum ich mich jetzt umentschieden habe, liegt vor allem an der Tatsache, dass ich vor einigen Tagen etwas im Netz gesehen habe. Einen Tweet, zu dem ich so gerne etwas sagen wollte. Jetzt sage ich es euch allen.

Ich bin ein Verfechter davon, dass privat und persönlich zwei unterschiedliche Dinge sind. Dass man im Netz persönliche Dinge teilen kann, private dort aber keinen Platz haben. Das hier ist privat. Sehr. Aber es liegt mir so unheimlich am Herzen, dass ich dieses eine Mal eine Ausnahme machen will.

Ich würde mir niemals heraus nehmen, über dieses Thema zu schreiben, wenn ich nicht genau wüsste, wie sich dieses Monster anfühlt. Ja, ich hatte ganz lange mit Panikattacken zu kämpfen. Sie haben mich so einiges gekostet. Meinen Abschluss, einige Freundschaften und Beziehungen und ganz viel Lebenszeit. Das ist es aber nicht, worum es hier gehen soll.

Wenn ich im Netz Artikel über das Thema Panikattacken lese, gruselt es mich. Unter den meisten Artikeln stehen unfassbar viele Kommentare von Betroffenen. Menschen, die ihr Leben lang mit diesem Monster kämpfen, verzweifelte Hilferufe. Selten bis nie lese ich etwas Positives im Zusammenhang mit Panikattacken.

Ich möchte dir sagen – lass dir nicht einreden, dass man das nicht los wird. Lass dir nicht erzählen, dass man ewig diesen Kampf kämpfen muss. Lass dir keine Angst machen, dass ein normales Leben nicht mehr möglich ist. Natürlich steht das unter diesen Artikeln. Es ist deine Bubble. Die meisten Menschen, die diese Artikel lesen, leiden selbst an diesen Attacken und ich wette, dass jeder von euch einen Menschen in seinem Umfeld hat, der das schon einmal erleben musste. Es ist ein scheiß Thema. Die wenigstens reden gerne darüber. Aus Scham, aus Angst als „verrückt“ abgestempelt zu werden. In den Augen der anderen als schwach angesehen zu werden.

Nur weil diese Angst irrational ist, ist sie noch lange nicht irreal. Sie ist da. Du spürst es. Die Symptome sind messbar. Es ist völlig egal, woher sie kommt. Sie ist da und du musst da durch. Ich will hier nicht aufzählen, was da für Symptome auftreten, was die psychologischen Hintergründe sind, oder oder oder. Dazu gibt es genug Artikel im Netz. Dieser hier zum Beispiel. Oder dieser.

Ich will dem Ganzen auch keinen Stempel aufdrücken. So unterschiedlich, wie die Ursachen dafür sind, so unterschiedlich sind die Wege, wie man damit umgeht. Was ich dir sagen will: Du hast die Wahl! Du hast verdammt nochmal die Wahl, ob du dir von dieser Krankheit dein Leben bestimmen lassen willst, oder ob du leben willst. Ich weiß wie das ist. Du tust dies und jenes nicht, weil du Angst vor der Angst hast. Du hast Angst davor, wieder eine Panikattacke zu haben, wenn du dich jetzt mit deiner Freundin zum Kaffee triffst/in den Urlaub fährst/einkaufen gehst/diese Party besuchst. Darum bleibst du lieber zu Hause, denkst dir eine Ausrede aus. Immer und immer wieder. Freunde wenden sich von dir ab, deine Schuldgefühle wachsen und schon bist du in diesem Teufelskreis gefangen. Da wieder rauszukommen ist eine Mammutaufgabe. Aber sie ist nicht unmöglich. Ich für meinen Teil fand die Vorstellung, eines Tages all den verpassten Momenten hinterher zu trauen, viel grausamer, als mich diesem Kampf zu stellen.

Es klingt abgedroschen, aber du hast dieses eine Leben. DEIN Leben und der Sinn dahinter ist, ihm einen Sinn zu geben. Wenn du nicht weiter weißt, vertrau dich jemandem an. Ich weiß, dass das schwer ist, aber frag dich, ob es das nicht vielleicht doch Wert ist. Und all ihr da draußen. Wenn ihr jemanden kennt, der sich manchmal komisch verhält. Sich zurück zieht. Euch kurzfristig und aus seltsamen Gründen immer wieder absagt, aus heiterem Himmel eine Veranstaltung verlässt, sprecht ihn doch einmal darauf an. Denkt ja nicht, ihr könntet nachempfinden, wie diese Krankheit sich anfühlt. Macht Euch nicht zur Aufgabe, diesen Menschen therapieren zu wollen. Seid einfach nur da.

Ich will nicht ins Detail gehen, was ich in der Vergangenheit getan habe, um das Monster los zu werden (wer Redebedarf hat, kann mir natürlich jederzeit eine private Nachricht schreiben). Ich kann nur sagen, dass es harte Arbeit war und viel Mut gekostet hat.
Aber es hat mich auch stark gemacht. Ich bin eine junge gesunde Frau, die auf Partys geht, sich gerne mit Freunden trifft, ein gesundes Sozialleben hat, ihren Alltag meistert, Auto fährt, verreist, Vorträge hält und vor allem keine Panikattacken mehr hat.

Ich will, dass du weißt, dass eine friedliche Ko-Existenz mit dir und dieser Krankheit absolut möglich ist. Eine Ko-Existenz, in der DU das sagen hast. Über dich und über deinen Körper. In der du bestimmst, wie dein Tag aussieht. Wo dein Leben hin geht. Welche Orte auf dieser Welt du besuchen kannst. Du bist nicht deine Angst. Sie ist nicht das, was dich ausmachst, also gib ihr auch nicht solche Macht über dich.

Von Julia Molitor

Julia Molitor

Ich bin Julia, oder lieber Julie. Ich arbeite als freie Social Media Beraterin und blogge auf fashionattitude über Mode und so'n Kram. Außerdem sagt man mir einen ausgeprägten Hang zu #girlboss-Attitude nach. Ich nehme alle Menschen wie sie sind, bin angezogen von Vielschichtigkeit und deshalb Down to Mars.

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