Ein freundlicher Mittelfinger

Dass Veränderung manchmal sein muss damit man eine neue Chance bekommt, hat Nina selbst erlebt. Und möchte jetzt allen Mut machen, denen es ähnlich geht.

In der Grundschule war ich immer viel größer als alle. Meine beste Freundin und ich haben unsere Zeit leidenschaftlich gerne damit verbracht, unsere eigenen Welten auf Papier zu malen und ihnen passende Geschichten zu schreiben. Irgendwie anders. Ich habe nicht gerne mit Puppen gespielt. Lieber mit Wörtern. In der Unterstufe habe ich Punk-Rock gehört, zwei verschieden farbige Chucks getragen und Nietengürtel für das coolste Accessoire der Welt gehalten, während die anderen Mädels darüber stritten, welches Designerteil das Coolere sei. Irgendwie anders. Aber ich konnte mit Rosa nichts anfangen. Ich fand es nicht uncool, gute Noten zu schreiben, dafür aber umso uncooler, fremde (und oftmals reichlich bescheuerte) Meinungen zu adaptieren, um „dazuzugehören“. Was auch immer das bedeutet. Im Gegenzug dazu fand man mich dann allerdings genauso uncool. Und damit war ich das gefundene Fressen.

An Schulen ist ganz schön viel akzeptiert – Turnbeutelvergesser, Dauerzuspätkommer und Immerpinkträgerinnen. Alles darf man sein. Nur „anders“ darf man heute nicht mehr sein. Was dann oft passiert, nennt man heute Mobbing. Aber welchen Namen man dem Kind gibt ist eigentlich egal. Als Betroffener verliert man schnell das Selbstbewusstsein und den Glauben an sich selbst. Viel schneller als man denkt.

Irgendwann habe auch ich angefangen mich zu fragen, warum ich so anders bin. Warum ich nicht einfach „dazugehöre“. Was falsch an mir ist. Erst habe ich versucht mich anzupassen. Aber das funktioniert nicht. Dann habe ich mich klein gemacht. So klein es ging, in der Hoffnung, dass man mich dann nicht mehr sieht. Und man mich in Ruhe lässt. Aber lasst euch gesagt sein: Das funktioniert genauso wenig.

Irgendwann war der Punkt erreicht an dem ich dachte, ich platze. Und das war der Punkt, an dem sich etwas verändern musste. Ich hatte die Möglichkeit eine Klasse zu überspringen. Und obwohl ich  Angst hatte, dass dann alles schlimmer macht – denn jetzt wäre ich ja schließlich der ultimative Streber – habe ich es gemacht. Ich habe vieles hinter mir gelassen. Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin. Und habe einfach von vorne angefangen.

Rückblickend war das die wichtigste Veränderung, die ich in meinem Leben gewagt habe. Neu anzufangen, ohne Vorurteile. Neue Menschen kennen zu lernen. Akzeptiert zu werden.

Auch in der neuen Stufe war nicht immer alles gut. Und ich hatte immer noch meinen eigenen Kopf. Aber ich habe gelernt, dass das egal ist. Und hatte von da an absolute Freiheit. Ich habe angefangen mein Ding durchzuziehen. Und es war mir völlig egal, was die Anderen gedacht haben.

Früher habe ich immer gedacht, dass die Zeit damals die schlimmste überhaupt war. Allerdings ist mir im Grunde das Beste passiert, das mir nur hätte passieren können: Ich bin geworden, was ich bin.

Heute werden ganz schön viele Menschen gemobbt. Das passt irgendwie in unser Terrorismuszeitalter. Ich kann leider nicht viel für euch tun, außer euch Mut zu geben. Ich weiß, wie ihr euch fühlt. Ich kann nur sagen: Manchmal muss man sich trauen und den Zähler auf null setzen. Und dann kann man aufblühen.

Irgendwann kann man den Leuten, die einem das Leben zur Hölle gemacht haben, mit einem dicken Grinsen ins Gesicht schauen. Und sich dafür bedanken, dass sie einen stark gemacht haben. Oder ihnen ganz einfach freundlich den Mittelfinger zeigen. Das ist wohl auch okay.

Von Nina Leßenich

Nina Leßenich

Ich bin wild, laut und hochprozentig lebendig. Ich bin Freigeist und Ordnungsliebhaber, bin ein Kleinkind, wenn ich lache. Ich sehe die Welt gern mit meinen eigenen Augen. Ich bin widersprüchlich und in mir stimmig, bin gebrochen und geklebt und daran gewachsen. Ich bin Bald-Journalistin, Wortliebhaber und Gedankensammler und ein paar Zeilen zwischen all dem hier. Und deshalb bin ich Down to Mars.

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