Ein Lächeln sagt mehr als ein Smartphone

In Zeiten des mobilen Internets sind wir schnell dabei, Dinge zu teilen, zu liken und zu kommentieren. Ich auch. Ich befinde mich derzeit in einem sehr diskussionsfreudigen Zustand. Und in sozialen Netzwerken finde ich viel Lesenswertes und darunter auch viel diskussionswürdiges.

Dabei habe ich allerdings manchmal das unschöne Gefühl kontinuierlich zu rotieren vor Ungläubigkeit. Ich möchte sehr viele Leute einfach mal bei den Schultern nehmen und kräftig schütteln. Und sie fragen, ob sie das ernst meinen, was sie da von sich geben. Dabei sind es meistens Kleinigkeiten, bei denen ich am meisten die Augen verdrehe.

Derzeit macht zum Beispiel ein Bild bei Facebook die Runde, von einem „verrückten Mann“ auf einem Bahnsteig. Im Gegensatz zu der wartenden Menschenmenge um ihn herum ist er der Einzige, der einfach in die Leere guckt und nicht auf sein Handy. In meinem Freundeskreis wurde dieses Bild fleißig schon zehn mal geteilt. Und unter jedem dieser Posts finden sich Kommentare mit der Aussage, wie absolut traurig das doch sei und der Kommentierende froh und glücklich, nicht zu diesen Menschen zu gehören, die in ihrer Wartezeit auf den Zug nichts besseres zu tun haben, als ihr Handy zu benutzen und sich nicht an der Schönheit der Welt um sie herum erfreuen können.

Und ich frage mich – wenn keiner dieser vielen Kommentatoren auf Facebook ihre Handys in solchen Wartezeiten benutzen – wie kommen dann solche Bilder zustande? Wer sind diese Menschen, wenn jeder, den man fragt, „so etwas nie tun“ würde? Es ist ja nicht so, als ob Wartezeiten auf den Zug so selten wären. Oder besagte Situationen. Wie viele Kommentatoren feststellen, sind sie eher die „traurige“ Realität.

Und ich bekenne mich – ich gehöre zu diesen Menschen! Wenn ich auf den Zug warte oder auf den Bus, dann benutze ich mein Smartphone. Zum Beispiel um einer weiter weg wohnenden Freundin zu schreiben, weil wir sowieso Probleme haben, Zeiten zum Telefonieren zu finden und meine Wartezeit glücklicherweise in ihre Vormittagspause fällt. Ja, in diesem Fall finde ich die Kommunikation mit ihr wichtiger als die Kommunikation mit den Menschen um mich herum.

Oder ich nutze die Zeit, um den Zeitungsartikel zu Ende zu lesen, den ich heute morgen beim Frühstück leider nicht mehr geschafft habe. Ich finde es ehrlich gesagt wichtiger, mich politisch zu informieren, als die zweifelhafte Schönheit des grauen Bahnhofs zu bewundern, der im Winter im Schneematsch versinkt. Manchmal schreibe ich Notizen auf, Ideen, die mir im Kopf herum spuken und die ich nicht vergessen will. Weil ich sie später mit Personen teilen möchte, die auch etwas damit anfangen können. Ich wage zu behaupten, dass die Menschen, mit denen ich in genau diesem Moment der Wartezeit reden könnte, eher weniger mit meinen genialen Einfällen für Großinstallationen zum Thema Big Data anfangen können. Sie würden mich eher für verrückt halten.

Und anstatt sich darüber zu echauffieren, wie unsozial sich die Mitmenschen verhalten, wenn sie sich mit einem Handy von der Umwelt abschotten, würde ich all die Kommentatoren gern fragen, wie häufig sie denn schon mal ein Gespräch mit einem Fremden an einem Bahnhof angefangen haben. Einfach so, aus Spaß an der Freude. Ich persönlich habe bereits Gespräche angefangen, trotz Smartphone in der Hand oder Kopfhörer auf den Ohren. Ein freundliches Lächeln scheint da ein besserer Indikator zu sein als leere Hände. Denn so, wie einige Menschen auf den Bahnsteigen gucken, würde ich um nichts in der Welt ein Gespräch mit ihnen anfangen. Das sind meistens die Menschen, die sowieso eine Menge zu meckern haben. Über andere. Wie diese Kommentatoren.

Aber sich über andere zu mokieren scheint so viel einfacher zu sein, als effektiv über sich selbst zu reflektieren. Denn irgendjemand muss ja die Masse sein, auch wenn wir alle nicht dazu gehören wollen. Ich würde gern wissen, wie viele dieser Kommentare vor einem Smartphone aus getätigt wurden …

 

PS: Ja, mir ist der Widerspruch bewusst, sich in einem Blogartikel über sich mokierende Menschen zu mokieren. Aber das musste trotzdem mal gesagt werden.

Von Sonja Rattay

Sonja Rattay

Sonja studiert Communication and Multimedia Design in Aachen und ist nebenbei als Mediendesignerin tätig. Für Down to Mars.tv kümmert sie sich mit um Kamera und Schnitt und natürlich neuen Input in Form von Specials und Artikeln.

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