Fernfreundschaften – Wer bist du denn?

In meinem letzten Artikel habe ich von Freundschaftsbändern geschrieben, dabei ging es eigentlich nur um mich und mein Verhältnis zu meinen Veränderungen. Aber wie ist das mit Veränderungen und Freundschaften?

Wie wohl recht viele von euch bin ich fürs Studium in eine andere Stadt gezogen. Im Gegensatz zu einigen, deren Dorf um die nächste Ecke liegt, wohnen meine Lieben recht weit weg. Ziemlich weit. Ungefähr 600 km, in Autostunden ausgedrückt etwa 7 Stunden, in Bahnticketpreisen gerne mal 80 Euro, wenn man Glück hat. Und auch wenn man sich kurz  vor dem Umzug versichert hat, man würde ganz oft telefonieren und sich viel besuchen, wurden die Zeitspannen zwischen dem Kontakt schnell länger und länger. Und wenn man sich dann mal wieder sprach hieß es – wer bist du denn?

Ich persönlich habe zwei beste Freundinnen, solche, die man schon ewig kennt, mit denen man seine „wilden Zeiten“ erlebt hat und mit denen die Insider schon uralt sind. Ehrlich gesagt – gibt es nur alte Insider, denn viel Gelegenheit, neue zu entwickeln, gab es in den letzten Jahren nicht. Es war schon kompliziert genug, sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten. Man hatte andere Menschen, mit denen man das Alltägliche teilte. Zusätzlich erschwerend kam hinzu, dass ich seit dem Abitur recht umtriebig war. Ein Jahr Lettland, zwei Monate Thailand, ein Semester Australien. Irgendwann kam der Moment in dem mich das Heimweh so richtig schmerzhaft überkam. Weil ich merkte, dass ich für diese Personen, die mir so wichtig waren und mir immer noch so eine wichtige Stütze sind, kaum da sein konnte. Dass ich vieles verpasste, was wichtig war und ihr Leben prägte. Und gleichzeitig viel zu wenig Momente mit ihnen teilen konnte, die mich änderten. Wenn ich versuchte, mich zu erklären, fehlten mir die Worte. Und wenn ich welche fand, waren sie schwer verständlich. Mehr denn je fiel mir auf, dass viele kleine Geschichten nur in einem gewissen Kontext nachzuvollziehen sind. Wenn man die Teilnehmenden kennt, die Rahmenbedingungen. Ich wurde zum Außenseiter in einer Welt, die eigentlich mein Zuhause und mein Rückzugsort sein sollte, mein Hafen. Und obwohl ich die Veränderungen nicht benennen konnte, die vorgegangen waren, merkte ich, dass sie da waren. Irgendwann kam in mir die Frage auf – wenn man sich jetzt noch mal kennen lernen würde, wäre man dann auch befreundet?

Neulich war eine dieser Freundinnen zu Besuch. Ich fragte sie, ob ich mich verändert hätte und sie meinte, ich würde jetzt andere Musik hören als früher. Ich würde mich anders anziehen. Es war merkwürdig, aber wahrscheinlich fallen solche oberflächlich gut sichtbaren Dinge schneller ins Auge. Und an sich ist es logisch, immerhin definiert man in den Jugendjahren seine Zugehörigkeit vor allem über diese zwei Merkmale – Pop oder Punk, schwarz oder Glitzer in unserem Fall. Und in den Jugendjahren war unsere Freundschaft ja auch am stärksten gewachsen. Bedeutete das also, wenn diese zwei Merkmale sich so sehr verändert hatten, dass sich auch tieferliegendes verändert hatte und ich nicht mehr dazu gehören konnte? Weil ich nicht an den alten Symbolen festgehalten hatte?

Das Wochenende, an dem meine Freundin zu Besuch war, war trotzdem sehr schön. Musik war kaum Thema. Vieles aus unserem Leben hingegen schon. Es war eigentlich, als ob sich nicht viel verändert hätte. Das waren immer noch wir, wie wir vor 7 Jahren am Frühstückstisch saßen und über kaltem Kaffee und zu vielen Brötchen über alles und nichts sprachen. Mit der anderen Freundin plane ich derzeit einen Urlaub, unser erster gemeinsamer Urlaub überhaupt! Mir ist klar geworden, dass Veränderung nicht immer bedeuten muss, dass sich etwas Bestehendes ändert. Es kann auch einfach etwas hinzukommen. In meinem Fall ist eine weitere Facette hinzu gekommen. Eine professionelle Seite, die Designerin Sonja. Eine Seite meines Ichs, mit der meine „alten“ Freunde vielleicht nicht viel anfangen können, weil sie nicht dabei waren, als sie sich entwickelt hat. Aber es gibt immer noch sehr viel, das sie an mir weit besser kennen als andere, die mich als Sonja, die Designerin, oder Sonja, die Reisende, kennen.

Leider werde ich wohl nicht so bald nach Hause kommen, denn der nächste Schritt auf meiner Lebensreise führt mich wieder ins Ausland, für längere Zeit als bisher. Auch wenn ich mich sehr über diese Möglichkeit freue, bleibt ein bisschen Angst. Neben der Angst, dass ich mich dort, wo ich hingehe, nicht wohl fühle, gibt es die Angst, dass ich danach noch weniger dorthin passe, wo ich herkomme. Aber ich bin optimistisch. Wenn unsere Freundschaften die letzten 5 Jahre auf Distanz verkraftet haben, schaffen wir das noch zwei weitere Jahre. Das klingt, als ob ich mir Mut mache für eine Fernbeziehung. Und in gewisser Weise ist es das ja auch. Auch Fernfreundschaften brauchen besondere Arbeit und Fürsorge. Aber sie sind es genau so wert. Und mit jeder Veränderung, die man in eine Freundschaft einbauen kann, kann man sie bereichern. Und stärken. Und es ist egal, ob man jetzt noch mal Freundschaft schließen würde oder nicht. Denn sie ist ja schon da. Dieser Artikel geht raus an alle Fern-Freunde, die schon so lange für einander da sind und die so vieles mitmachen. Vielen Dank dafür!

Von Sonja Rattay

Sonja Rattay

Sonja studiert Communication and Multimedia Design in Aachen und ist nebenbei als Mediendesignerin tätig. Für Down to Mars.tv kümmert sie sich mit um Kamera und Schnitt und natürlich neuen Input in Form von Specials und Artikeln.

3 Kommentare

  1. Sonja, du sprichst mir so sehr aus dem Herzen. Ich erkenne mich in 100% deines Textes wieder und freue mich ein wenig, dass es anderen scheinbar ähnlich geht, und sie ähnliche Fragen beschäftigen.
    Du hast das toll verfasst und ich wünsche dir dass du jederzeit mit Freude in deinen Heimathafen zurückkehrst:)

    Lieb gegrüßt,
    Hanna

  2. Sonja Rattay

    Vielen Dank für das Lob, liebe Hanna, und das wünsche ich dir auch :)!

  3. Hey Große
    Ein toller Artikel…du schaffst auch diesen Teil, weil es dir wichtig ist die Menschen im Blick zu behalten, dir deine Heimat siind

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