The guy who plays his heart out

„Es hat etwas sehr persönliches, wenn Musiker sprechen“, Manfred Nettekoven über einen besonderen Künstler und die Momente, in denen Musik berührt.

Renzo hat mir mal eine iPhone-­Aufnahme von einem Banjo-­Konzert in der New Yorker U-Bahn geschickt, irgendwas am L­‐Train auf dem Rückweg von Williamsburg. Nette Nachtstimmung, das Beste war, wie der Banjo­‐Spieler mit starkem Brooklyner Akzent über sein Instrument sprach, das immer ein bisschen verstimmt ist, oder so wirkt. Es hat etwas sehr persönliches, wenn Musiker sprechen, zum Teil deswegen, weil sie es über Jahrhunderte nicht getan haben. Es muss revolutionär gewesen sein, als Lennie Bernstein sich vor dem New York Philharmonic Orchestra herumgedreht hat, um zu erklären, dass Glenn Gould eigentlich eine ganz andere Auffassung von dem ersten Klavierkonzert von Brahms hatte als er selbst. Sie haben es trotzdem miteinander versucht, mit dem Ergebnis, dass es ein Klassiker wurde, es gibt dazu inzwischen einen eigenen Wikipedia-­Eintrag. Damals, 1962, war das ein erster, sicherlich notwendiger, möglicherweise nicht hinreichender Schritt zur Demokratisierung von ernster Musik. Man verstand besser und vor allem mehr als einfach durch das Zuhören und gelegentlichem Blättern im Programmheft.

Renzo Vitale lässt sich nicht herab zu erklären, nein, er muss erklären, sein Konzert besteht zu einem wesentlichen Teil aus seinen Erläuterungen, mit kleinem Einblick in die Seele. Keine Sorge, es ist ein geschickt geschnittenes Decolté, er lässt das Publikum an sich ran, nicht in ihn hinein.

Wichtig ist dieser Kommunikationsprozess, weil es bei ihm um eine Reise geht, durch Raum und Zeit. Orte aus seiner Vergangenheit und solche, die ihn geprägt haben. Gedanken, musikalische Gedanken, die ihm dort gekommen sind, und die mitzuteilen ihm wichtig sind.

So wichtig, dass man zu Beginn des Konzertes spürt, wie er mit Kraft das Publikum domptiert, auf sich einstimmt. Die ersten Stücke sind Klangteppiche, gewoben aus einer Unzahl von Sechzehntelnoten. Improvisationen, Überleitungen, leichte Variationen auch zu den auf seiner ersten CD eingespielten Stücken. Sie klingen anders, vielleicht auch deswegen, weil das Publikum noch nicht da ist, wo er die Menschen haben will. Bis zum ersten cantabile ist es auf jeden Fall noch eine Weile hin. Als es dann, nach den ersten vier oder fünf Stücken endlich kommt, wirkt es fast schon kitschig, so sehr war jedenfalls ich auf die sehr assoziativen Texturen eingestimmt. Einmal war ich über zehn Takte hinweg im Köln-Konzert von Keith Jarrett, das genau wie Renzos Konzert von der Kommunikation mit dem Publikum lebt, nicht, weil es hörbar wäre, sondern, weil es da ist.

Wie kommuniziert der Kerl, wenn er sich so stark über die Tastatur beugt, so konzentriert und innig wie nachts alleine in der Aula der RWTH, wo maximal ein inzwischen zum Fan konvertierter Wachmann zuhört, heimlich, ganz hinten im Saal? Spürt er den Unterschied im Publikum zwischen Rockwood Music Hall im East Village, der Musikhochschule Aachen und einer kleinen Piazza vor einer Kirche in Isola del Liri?
Meines Erachtens muss er das, weil auf seine ganz spezielle Art macht er etwas mit uns, sucht unsere Resonanzfrequenz, merkt, wie sich die Menschen zunehmend auf ihn einlassen, aufnehmen wollen, bereit sind, für die Geschichte oder den Gedanken, der hinter dem Stück steckt. Zum Beispiel eine zurücklaufende Träne als Essenz von zu materialisierter Emotion. Nicht leicht zu verstehen, wenn überhaupt, über Musik, oder weil man den Pianisten so sympathisch findet, dass man ihm den Gedanken abnimmt, muss ja stimmen, so authentisch, wie er rüberkommt.

Soweit ich das beurteilen kann, ist das alles wahr, erlebt, gefühlt geschehen, immer wieder. Auch die Geschichte mit seinem Vater Enea, der ganz außergewöhnlicherweise nachts mal dazu gekommen ist, in Renzos Zimmer, wo der Flügel stand und Renzo übte. Dabei ist ein Stück entstanden, ein sehr sensibles und feines.

Ich habe diesen Sommer Enea getroffen, einen Schreiner, kein Mann von vielen Worten. Sprache ist das Medium von Renzos Mutter, Anna, die auch eine Karriere im diplomatischen Dienst hätte machen können. Enea hängt sehr an seiner Familie. Er hat sich nur einmal ein bisschen ostentativ Gehör verschafft, um mir genau das zu erzählen: Wie er auf die Rückkehr seiner Söhne wartet, wie wichtig ihm dieser Zusammenhalt ist. Das Musikstück passt dazu, es ist genauso ehrlich wie die seine Beschreibung auf dem Balkon vor der Küche der elterlichen Wohnung in Sora. Ein anderer Sorano, Enzo Celli, Choreograph, hat im Lokalblatt von Sora einen Artikel über das Rockwood-Konzert geschrieben.

Zwei Dinge waren ihm wichtig: Was mit dem Publikum passiert ist, während des Konzerts, und wie er in Renzos Musik seine Heimatstadt wiedererkannte, verbunden mit dem Stolz, dass einer von dort in die Welt hinaus gezogen ist, um sich mitzuteilen. Und dabei so offensichtlich berührt. Irgendwie bestätigt mir das meine eigenen Beobachtungen.

Es wird nicht einfach sein, auf dem schmalen Grat zwischen Keith Jarrett, Brad Mehldau und Cesare Picco eine musikalische Karriere zu verankern, die einen Rentenanspruch generiert. Nach dem Stück heute über den nächtlichen Besuch Renzos Vater habe ich gedacht, er muss es dennoch tun, das ist ein großes Talent, nicht nur musikalisch, sondern musik­‐kommunikatorisch. Berührerisch.

Das haben die beiden Jungs aus dem Tonstudio auch erzählt, in dem Café in Brooklyn, da waren sie das Publikum. Es sei schon etwas ganz besonderes gewesen, zu erleben, wie sich das Herz aus dem Leibe gespielt habe, sagten die beiden, die schon einige Kilometer auf dem Tacho hatten, und schon mehr Musikaufnahmen gemacht als andere warme Mahlzeiten zu sich genommen haben. Ich habe nur die Aufnahme von dem Interview gesehen, auf Facebook. Ich bin dennoch sicher, sie haben Recht.

Mit freundlicher Genehmigung von Manfred Nettekoven.

In Renzo Vitales Album „ZEROSPACE“ könnt ihr hier hineinhören.

Von Martin Knorr

Martin Knorr

Moin moin, Martin mein Name, begeistern meine Mission. Ich bin leidenschaftlicher Momente-Festhalter und immer auf der Suche nach dem Schönen. Meist bin ich nach innen lauter als nach außen und platze vor Ideen. Ich bin gleichzeitig perfektionistisch und blühe auf im Chaos. Ich bin ein Teilzeit-Scherzkeks – mit rumgetränkter Schokolade. Ich glaube an das Gute im Menschen und bin deshalb Down to Mars.

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