Jorė Janavičiūtė | www.jugendfotos.de

Vom Lawinen-Lostreten

Wir wollen uns beruflich nicht festlegen, suchen aber trotzdem nach Sicherheit. Wir wollen eine feste Beziehung, aber auch alle Freiheiten des Single-Lebens. Wir wollen den perfekten Körper, aber nicht auf Schokolade verzichten. Wir wollen alles. Aber keine Entscheidungen treffen.

Mein Studium neigt sich gerade dem Ende und die meisten meiner Kommilitonen befinden sich aktuell in der „vielleicht-Phase“. Vielleicht mache ich einen Master, vielleicht suche ich ein Volontariat, vielleicht mache ich ein Jahr Pause. Auch mir geht es ähnlich. In dieser Situation stehen wir beispielhaft für eine Generation voller vielleicht-Sagern. Vielleicht machen wir dies, vielleicht gehen wir dorthin. Aber dabei bloß nicht abseits der Piste laufen.

Noch nie konnten wir so viel entscheiden wie heute. Aber oftmals sind wir von den vielen Möglichkeiten schlichtweg überfordert. Wir versuchen alles, aber entscheiden uns für nichts. Was wie die ganz große Freiheit scheint, wird für viele von uns zu einem Käfig, der uns gefangen hält. Weil wir alles machen könnten enden wir damit, nichts zu tun.
Aus Angst davor, falsche Entscheidungen zu treffen oder uns Wege zu verbauen, sind wir weder heiß noch kalt. Wir bleiben lauwarm, zögern und zaudern, warten ab und bleiben unentschlossen.

 

„Warten bringt nichts, als dass man dabei älter wird.“ 

Entscheidungen werden allerdings nicht besser, je länger man darüber nachdenkt. Vielleicht werden sie sogar schlechter, je länger wir uns den Kopf über sie zerbrechen. Oder sie vor uns herschieben. Natürlich – Entscheidungen zu treffen ist nicht leicht. Denn entscheiden heißt loslassen. Egal wofür oder wogegen wir uns im Leben entscheiden, wir müssen dafür immer unseren sicheren Status Quo aufgeben und uns damit ins Unbekannte wagen. Und ja, dabei entscheidet man hin und wieder auch für das Falsche. Aber was ist schon ein Leben ohne Fehler?

 

Embrace Change

Sich zu entscheiden bedeutet auch immer, die Arme für neues auszubreiten. Warum also nicht mit offenen Armen auf all unsere Möglichkeiten zugehen? Entscheidungen dürfen für uns nicht zu unangenehmen Notwendigkeiten werden. Sie sollen Chancen sein.

Ich wünsche mir eine Generation, die sich wieder etwas traut. Eine Generation, die zu 100% hinter ihren Entscheidungen steht. Und die weiß, wie wichtig es ist, Fehler zu machen. Um daran zu wachsen.
Ich wünsche mir, dass wir wieder mehr Biss haben. Und auch mal den schwierigen Weg wählen – und das nicht, weil wir müssen, sondern ganz bewusst. Weil wir es wollen.
Also lasst uns doch einfach öfter mal bewusst die Piste verlassen und Lawinen lostreten.
Das Leben bricht so oder so über uns herein.

Von Nina Leßenich

Nina Leßenich

Ich bin wild, laut und hochprozentig lebendig. Ich bin Freigeist und Ordnungsliebhaber, bin ein Kleinkind, wenn ich lache. Ich sehe die Welt gern mit meinen eigenen Augen. Ich bin widersprüchlich und in mir stimmig, bin gebrochen und geklebt und daran gewachsen. Ich bin Bald-Journalistin, Wortliebhaber und Gedankensammler und ein paar Zeilen zwischen all dem hier. Und deshalb bin ich Down to Mars.

8 Kommentare

  1. Am Ende des Lebens sollte man darauf zurück blicken können nicht fehlerfrei gewesen zu sei, aber alle Möglichkeiten genutzt zu haben. Es ist viel schlimmer auf ein „Hätte ich doch“ / „Was wäre wenn“ zurück zu blicken, als auf ein „War vllt. nicht die beste Idee aber dadurch habe ich immerhin was gelernt“. Und sei es nur, dass man jetzt weiß was man nicht machen will !

    Sehr guter Beitrag ! Ich lebe so und kann jedem nur empfehlen so zu leben. Es macht frei und stärkt einen für die Zukunft. Es gibt keine Fehler und falschen Entscheidungen es gibt nur Erfahrungen die man machen kann ! :D

    Take your chances, make a change and be AWESOME !

  2. Ja, doch, ein wirklich toller Artikel.
    Allerdings glaube ich, dass diese Vielleicht-Mentalität eher nicht daher kommt, dass Leute Angst haben, Fehler zu machen. Sie kommt vermutlich eher daher, dass viele immer und immer die Angst haben, irgendwo könnte noch etwas besseres auf sie warten. Immer die Angst, irgendwas zu verpassen. Nein, das hat nichts mit Angst vor Fehlern machen zu tun. Und ich schreibe hier bewusst nicht „wir“, weil ich mich ganz und gar nicht mit dieser schrecklicken Vielleicht-Mentalität identifizieren kann.

    • Nina Leßenich

      Interessante Fragestellung, die du da anstößt, Julia!
      Aber ist nicht die Angst davor, etwas zu verpassen, letztlich eben doch die Angst einen „Fehler“ zu machen? In dem Sinne, dass die eigene Entscheidung vielleicht eben nicht zum augenscheinlich optimalsten Ergebnis führt? Ich glaube, wenn man mal ganz tief in sich hineinhorcht, beläuft sich die „Angst“ in beiden Fällen auf den gleichen Ursprung.
      Was denkt ihr so?

      • Also, kann sein, dass ich da ein bisschen pingelig bin, im Grunde sprechen wir hier ja von „Angst“. Angst ist Angst könnte man meinen, egal, woher sie kommt. Der Unterschied zwischen „Angst, Dinge zu verpassen“ und „Angst, Fehler zu machen“ ist wirklich nicht besonders groß aber in meinen Augen irgendwie doch entscheidend. Wenn ich mich nicht bewege, weil ich Angst habe, die falsche Entscheidung zu treffen, dann ist mir bewusst, dass ich die Wahl habe und das ich mich theoretisch auch für das Richtige hätte entscheiden können. Ich entscheide mich nicht bewusst NICHT. Der Ursprung ist Angst. Bewege ich mich nicht, weil ich Angst habe, etwas zu verpassen, dann ist der Ursprung, nennen wir es mal, Gier. Ich entscheide mich ganz bewusst nicht, weil eine Entscheidung für Etwas auch immer eine Entscheidung gegen etwas Anderes ist. Ich habe keine Angst davor, dass das Eine vielleicht schlechter ist als das Andere. Ich will einfach beides.

        Ach Mensch, in meinem Kopf ist es ganz klar, das zu formulieren klingt jetzt etwas altklug. Verzeih mir, falls das so rüber kommt ;)

  3. Ich bin ja mehr der „Nägel mit Köpfen“-Typ und habe mich darüber noch nie geärgert. Auch die großen Entscheidungen habe ich nicht bereut, selbst wenn manches im Nachhinein vielleicht nicht die beste Idee war. Aber dafür sind wir ja (zum Glück) noch jung genug: um genau das zu merken und es beim nächsten Anlauf besser zu machen.

    • Nina Leßenich

      Das sehe ich genauso! Ich persönlich finde, dass man eben gerade aus den Ideen, „die vielleicht nicht die besten waren“, oft am meisten für sich und seine persönliche Entwicklung mitnimmt!

  4. Schöner Artikel, in dem ich mich selber wiederfinde. Ich stimme Juli voll und ganz zu. Die Menschen suchen nach dem Optimum, und wollen dabei möglichst nichts liegen lassen.
    Auch ich habe jahrelang mal dies, mal das ausprobiert, ohne mich ernsthaft für etwas zu entscheiden. Es könnte ja noch etwas Besseres geben. Nur hatte ich dabei nie eine Vorstellung davon, was das ist.
    Inzwischen weiß ich, dass zu große Ambitionen kontraproduktiv sein können. „Hätte, würde, könnte“ bringt mich nicht weiter. Ich bin zufrieden mit dem was ich habe.

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