Clara N.,www.jugendfotos.de

Wenn ich groß bin…

Wenn ich eine neue Sprache gelernt habe, wenn ich fünf Kilo leichter wäre, wenn ich mich selbstständig gemacht habe, ein Haus gebaut habe, den Partner fürs Leben gefunden habe und einen tollen Job ergattert habe. Und wenn ich dann noch um die ganze Welt gereist bin und verschiedene Kulturen kennengelernt habe.
Fast jeder von uns hat eine lange oder weniger lange Liste mit Veränderungen, von denen man sicher ist, dass sie das eigene Leben perfekt machen werden. Wenn wir irgendwann mal groß sind, dann wird irgendwann schon alles perfekt sein und alles wird seinen Platz im Leben gefunden haben. Problem dabei: Wir sind schon groß.

Natürlich haben all die Pläne, die Ziele und die Hoffnungen, die wir uns so gerne machen, positive Seiten. Zum einen macht uns die Vorfreude auf eine rosige Zukunft jetzt und hier in der Gegenwart glücklich. Zum anderen brauchen wir ehrgeizige Ziele, um uns selbst anzuspornen. Sonst würden wir uns nie weiterentwickeln. Laufen zu lernen war auch nicht leicht, aber hätten wir uns nicht durchgebissen, würde wir heute immer noch bei Mutti im Hochstuhl sitzen und uns mit Babybrei füttern lassen. Was in unserem Alter offen gestanden ziemlich albern aussähe. Dass wir uns dagegen entscheiden konnten und frei wählen können, wer wir sind und wie wir sein wollen, mag zwar schön und gut sein. Heutzutage sind wir schließlich alle gerne schrecklich individuell. Es macht uns unser Leben allerdings nicht leichter, denn dieser Zustand ist oftmals ganz schön kontraproduktiv. Schließlich kommen wir erst durch die exorbitante Anzahl an Möglichkeiten auf die Idee, dass ein anderer Lebensweg ja vielleicht noch so viel besser für uns sein könnte. Auch ich komme manchmal auf diese Idee.

Wenn ich mich so in meinem Freundeskreis umschaue, sehe ich, dass es nicht nur mir so geht. Tim würde sich gerne selbstständig machen und traut sich nicht, Luisa sucht den Mann fürs Leben und Tanja ist der festen Ansicht, dass ihr Leben so schrecklich viel besser wäre, wenn sie endlich in eine kleinere Hosengröße passen würde. Vielleicht wollen wir gar nicht bedingungslos glücklich sein. Das ist zumindest der Eindruck, den ich manchmal habe. Wir sind anscheinend nur dann bereit richtig glücklich zu sein, wenn endlich dieses oder jenes geschieht. Wir neigen mit Vorliebe dazu, Glück an Bedingungen zu knüpfen. Wenn ich einen neuen Job habe, wenn die Schulden getilgt sind, wenn ich im Urlaub war, dann werde ich glücklich sein. Hätte, würde, wenn.

Dabei vergessen wir zu oft das Wesentliche: Dass das „wahre Glück“ meistens direkt vor unseren Augen liegt und im Hier und Jetzt stattfindet. Wir sollten aufhören, das Glück auf den Feierabend, in die Freizeit oder sogar an unseren Lebensabend zu vertagen. Wer so lebt, gefangen in den Bedingungen des „Später“ und des „Irgendwann einmal“, der lebt ständig in der Erwartung, dass vielleicht eines Tages alles viel besser wird. Und vergisst dabei etwas noch viel wesentlicheres: Dass vielleicht schon alles „besser“ ist.

Manche Menschen benötigen ein ganzes Leben, um am Ende festzustellen, dass dieses „wahre Glück“, von dem alle sprechen, eben nicht an Bedingungen geknüpft ist. Dummerweise gibt es dann keine „rewind-Taste“ um nochmal von vorne zu starten. „Wie schade, dass man ein ganzes Leben braucht, um zu lernen, wie man leben muss.“ schreibt Jonathan Safran Foer in seinem Buch „Extrem Laut und unglaublich nah“. Und bringt es damit auf den Punkt.
Auch wenn ich mich selbst das ein oder andere Mal dabei erwische: Ich bin es satt dieses „wenn mehr DAS dann Glück, wenn weniger DIES dann Glück“. So werden wir unser Glück sicherlich nie erreichen. Bestenfalls sind wir dann mit 80 genauso, wie die Figur in Safran Foers Roman und jammern. Weil wir erst viel zu spät gemerkt haben, wie lebenswert das Leben eigentlich gewesen wäre. Und sind wir mal ehrlich zu uns: Das wollen wir doch alle nicht, oder?

Lasst uns einen Versuch wagen. Weg von der ständigen Suche nach dem Nicht-Vorhandenen oder dem Noch-Nicht-Eingetretenen. Wir müssen einfach Regisseure bleiben, in unserem eigenen Leben. Und nicht in die Zuschauerrolle verfallen. Unser Leben aktiv gestalten und uns jeden Tag über die kleinen Herrlichkeiten freuen, die das Leben so für uns bereit hält. Jeder Tag ist ein guter Tag, hat mir einmal jemand gesagt. Damals war ich noch „klein“ und habe ein bisschen darüber gelacht. Ich bin doch auch mal schlecht gelaunt, habe ich gedacht. Da kann doch gar nicht jeder Tag ein guter Tag sein. Heute bin ich groß. Ein bisschen zumindest. Und lache wieder darüber. Aber nicht mehr, weil ich glaube, dass diese Worte nicht stimmen. Sondern weil ich gelernt habe, dass auch ein schlechter Tag ein guter sein kann.

Lösen wir also doch einfach mal die Handbremse, machen Schluss mit unserem Freund namens „später“ und legen einfach mal los.

Von Nina Leßenich

Nina Leßenich

Ich bin wild, laut und hochprozentig lebendig. Ich bin Freigeist und Ordnungsliebhaber, bin ein Kleinkind, wenn ich lache. Ich sehe die Welt gern mit meinen eigenen Augen. Ich bin widersprüchlich und in mir stimmig, bin gebrochen und geklebt und daran gewachsen. Ich bin Bald-Journalistin, Wortliebhaber und Gedankensammler und ein paar Zeilen zwischen all dem hier. Und deshalb bin ich Down to Mars.

Ein Kommentar

  1. Schön geschrieben.
    Glücklich = Zufriedenheit?
    Der Gedanke das ein selbstbestimmtes oder fremdbestimmtes Ereignis automatisch glücklich macht halte ich für falsch, vorallem dies als Bedingung zu sehen.
    Ich wünsche mir was ähnlich zu Luisa. Weiss aber schon das ich mich, wenn es dann so weit ist, an die Zeit jetzt zurücksehnen werde. Also lieber jetzt den Moment genießen!
    Es sind doch die Kleinigkeiten die das Leben so schön machen. Die großen Dinge sind ja garnichts besonderes mehr, wenn man sich schon so herbeigewünscht und feste Vorstellungen entwickelt hat.

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